Jan Bokloev



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Böiger Wind trieb Schnee über die Schanze in Falun und dem Skispringer ins Gesicht. Jan Bokloev geriet ins Trudeln. Instinktiv spreizte er die Ski zur Notlandung. Doch er stürzte nicht, spürte plötzlich ein Luftpolster, das ihn trug; und er landete sicher. Wäre der Schwede mit mehr Talent gesegnet gewesen, hätte er dem Erlebnis im Winter 1984 wohl keine Bedeutung zugemessen. Aber er galt, obwohl Ski springend seit er elf war, bei seinem Klub Koskullskulle AIF als eher mäßig begabt. Und als Problemfall obendrein: Jan Bokloev ist Epileptiker, und er stottert. Natürlich kam der 18-Jährige nicht auf die Idee, Ursachenforschung zu betreiben, bei der er herausgefunden hätte, dass sein Sprungstil einen bis zu 28 Prozent höheren Auftrieb bewirkt. Aber er erkannte seine Chance, auf seine Weise sportlich voran zu kommen. Dass er fünf Jahre später den Weltcup in dem von ihm entwickelten V-Stil gewinnen würde, ahnte niemand.

Das Problem des Jan Bokloev war das vieler Erfinder: „Ich konnte niemand um Rat fragen. Die Trainer haben gesagt, ‚keine Ahnung, probier’ es einfach aus‘.“ Seine Fantasie sei hilfreich gewesen, sagt er. Er sah sich als Drachen, den er in seiner Kindheit hatte fliegen lassen: „Mein Kopf war die Spitze, die Ski die Seiten.“ Als Drachen-Imitation war er anfangs instabil. „Ich bin oft gestürzt.“Vier Jahre lang tüftelte Bokloev an seinem revolutionären Stil. Kleine Erfolge stellten sich schon früher ein. 1986 und 1987 gewann er den Schwedischen Meistertitel. Das gab Mut, besagte aber nicht viel. Im schwedischen Wintersport dominieren Eishockey und Langlauf, gute Skispringer waren immer rar. Im Weltcup sorgte der englische Nichtskönner Eddie The Eagle Edwards für mehr Aufsehen als Jan Bokloev mit seinem kuriosen Stil.

Auch noch bei der Vierschanzentournee 1987/88, trotz beachtlicher Weiten. Die nützten Bokloev wenig, denn wegen nicht regelkonformer Flughaltung und Landung erhielt er selten mehr als 14 von 20 Haltungspunkten. „Alle haben über mich gelacht.“ Aber nicht mehr lange. Im Winter 1988/89 gewann Bokloev fünf Weltcup-Skispringen und die Gesamtwertung, vor dem deutschen Olympiasieger Jens Weißflog und Dieter Thoma.

Der Pionier profitierte von einer Regeländerung, die besagte, dass sein V-Stil nur noch mit bis zu einem Punkt Abzug bestraft werden durfte, und davon, dass er den Telemark-Aufsprung gelernt hatte. Trotzdem geschah Bokloev Unrecht. Sein V war nur die beste aller Möglichkeiten, die tragende Fläche zu vergrößern. Andere wurden ungestraft genutzt, wie etwa breite Skiführung oder eine leichte Drehung in der Achse, damit der Oberkörper über die Ski hinaus ragte.

Die mäkelnden Ästheten konterte der schwedische Trainer Aake Ostlund: „Wer weit springt, springt auch schön. Das ist nur eine Frage des Sich-daran-Gewöhnens.“ Das fand auch der Österreicher Ernst Vettori: „Mir gfallt’s net, aber i muss des akzeptieren.“ Er lernte um und ließ sich drei Jahre später als Olympiasieger feiern.

Anders die Deutschen. „Die Entwicklung muss man beobachten“, urteilte deren Trainer Rudi Tusch. Die Konkurrenz flog an ihnen vorbei. Nur an Christoph Duffner nicht, weil der immer schon mit leicht geöffneten Ski gesprungen war; Duffner siegte in Oberstdorf zum Auftakt der Tournee 1992.

Der Klassik-Springer Weißflog sprach sich Mut zu: „Solange noch drei Normalspringer auf dem Podest stehen, bin ich beruhigt.“ Anders der österreichische Skiflug-Weltmeister Andreas Felder: „Ich glaube, dass es in fünf, sechs Jahren nur noch diesen Stil gibt.“

Weit gefehlt. Im Frühwinter 1991, als sich Bokloev von einem Beinbruch erholte, gewann der deutsche V-Springer Andre Kiesewetter zwei Weltcupspringen. Beim Tourneespringen in Oberstdorf landeten dessen Gefolgsleute Toni Nieminen (Finnland), Werner Rathmayer (Österreich), Stefan Zünd (Schweiz) und Martin Höllwarth (Österreich) auf den ersten vier Plätzen.

Trainer Toni Innauer hatte alle Österreicher auf V programmiert, Felder sprang als Sieger von der Partenkirchener Olympiaschanze ins Jahr 1992. Erst, nachdem die Deutschen olympisch und bei der WM 1993 frustriert hinterher gehüpft waren, beugten sie sich dem Zeitgeist. 1992 gewann Matti Nieminen, 16, in Courchevel zwei olympische Goldmedaillen; Jan Bokloev belegte den 47. Platz.

Die Entwicklung, die der Schwede ausgelöst hatte, war schon über ihn hinweg gegangen, als der Ski-Weltverband Fis die Sanktionen gegen die V-Springer aufhob. Eine Überraschung war das nicht. Als die weltbesten Skispringer begannen, ihn zu kopieren, war es um den Pionier aus Schweden geschehen.

Jan Bokloev, verheiratet, zwei Kinder, gelernter Mechaniker, der als Erzieher im Kindergarten arbeitet, sieht das heute gelassen. „Ich habe mir einen Namen gemacht“, sagt er. „Viele Menschen wissen, wer ich bin: ein Vater dieses Sports. Das ist mehr wert als Geld.“

Mancher Name ist untrennbar mit einer Erfindung verbunden: Diesel, Wankel, auch im Sport. Schranz-Hocke, Rittberger, Axel (Paulsen) beim Eiskunstlauf. Hätte Bokloev komisch geklungen? Nicht mehr als Röntgen. Es ist alles Gewöhnungssache, wie beim V-Stil.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung